Der Fuchs im Kanzleramt
Meine außergewöhnlichste Fuchsbegegnung
Eine Geschichte in 3 Akten
1. Akt - Street-Fotografie und eine unerwartete Begegnung
Diese Geschichte beginnt an einem warmen, sonnigen Nachmittag Mitte August, als mich einmal aufs Neue die Motivation ergriffen hatte, mit ein wenig Street-Fotografie im Herzen Berlins zu experimentieren. An diesem Tag wurde anlässlich des 65. Jahrestags des Baus der Berliner Mauer mit verschiedenen Veranstaltungen, Ausstellungen und Kunstinstallationen an die Teilung der Stadt erinnert. Eine davon war die faszinierende Installation „vi | ew“ des Künstlers Hubertus Hamm am Brandenburger Tor - eine rund 30 Meter lange Konstruktion, die sich am ehemaligen Verlauf der Mauer orientierte und durch ihre wabenartige Struktur je nach Entfernung, Perspektive und Blickwinkel mal transparent, mal nahezu undurchdringlich zu wirken schien. So konnten sich Menschen auf beiden Seiten mal deutlich, mal nur schemenhaft oder überhaupt nicht erkennen - ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Trennung und Verbindung, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.
Als ich am Tag zuvor Bilder davon gesehen habe, kam mir sofort die Idee, die Kunstinstallation in ein kleines fotografisches Experiment einzubinden. Der Gedanke war, die Installation wie einen kreativen Filter zu nutzen und mit einem Teleobjektiv durch die Gitterstrukturen hindurch das Geschehen auf der anderen Seite zu fotografieren, um so besonders ungewöhnliche, abstrakte Bildwelten zu erschaffen.
Also begab ich mich, nur mit einem einzigen Objektiv ausgestattet, in Richtung Stadtmitte. Wie so oft, wenn ich mich für Street-Fotografie entscheide, fiel meine Wahl auf mein geliebtes 85mm f/1.4. Ein klassisches lichtstarkes Porträtobjektiv also, das jedoch aus meiner Sicht auch beim Fotografieren auf der Straße, einen optimalen Kompromiss zwischen Nähe und Distanz ermöglicht.
Und der Plan ging tatsächlich auf - ja sogar besser als erwartet. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie viel Zeit ich am Brandenburger Tor mit Fotografieren verbracht habe. Doch als ich schließlich beschlossen hatte, weiter zu ziehen, waren die frühen Abendstunden bereits angebrochen, und die Sonne tauchte die Hauptstadt zunehmend in ein strahlendes, goldenes Licht.
Angesichts der besonderen Lichtstimmung, die sich langsam anzukündigen begann, beschloss ich, in Richtung Regierungsbezirk aufzubrechen. Die ungewöhnliche, futuristische Architektur der Regierungsgebäude, mit ihren hohen Glasfronten und großen, aus kahlen Steinfassaden errichteten geometrischen Formen, eignet sich auf besondere Weise für interessante Bildkompositionen. Wie so oft, wenn ich auf der Straße fotografiere, ließ ich mich schon bald, ohne einen konkreten Plan im Sinn, ganz davon leiten, wohin mich mein Bauchgefühl und meine Füße trugen. Und sie trugen mich der immer tiefer stehenden Sonne entgegen, am Paul-Löbe-Haus vorbei in Richtung Bundeskanzleramt. Und da begegnete ich ihm zum ersten Mal …
Auf dem Parkgelände unmittelbar vor dem Kanzleramts-Gebäude saß er da, und badete im warmen Licht der Abendsonne. Die Rede ist von diesem kleinen Freund hier …
Von diesem Moment an war für mich an Street-Fotografie erst einmal nicht mehr zu denken. Jeder, der mich oder meine Fotografie kennt, weiß, dass mein Herz ganz besonders für die Natur- und Wildtierfotografie schlägt. Und seit ich nach Berlin gezogen bin, habe ich eine ganz besondere Zuneigung und Faszination für eben jene Wildtiere entwickelt, die, meist im Verborgenen, unter uns leben - und die Hauptstadt ganz genauso ihr Zuhause nennen, wie wir Menschen es tun.
Also holte ich meine Kamera hervor, und anstatt Menschen in ihrem für sich selbst errichteten Habitat zu fotografieren, fotografierte ich einen Fuchs, der sich eben dieses Habitat zu eigen gemacht hatte. Einen echten Berliner im politischen Zentrum unserer Hauptstadt.
Und, wie sich gleich zeigen wird, trug er so einiges an krimineller Energie in sich …
2. Akt - Einbruch ins Kanzleramt
Es dauerte nicht lange, bis dem Kleinen aufgefallen war, dass zunehmend Passanten auf ihn aufmerksam geworden waren. Schließlich beschloss er, das offene Parkgelände gemächlich zu verlassen. Doch er brach nicht etwa in Richtung des nahegelegenen Tiergartens oder in den Schutz der umliegenden Büsche und Bäume auf, wie im ersten Moment zu erwarten gewesen wäre …
Nein, er bewegte sich zielstrebig und offenbar fest entschlossen in Richtung Bundeskanzleramt.
Dort angelangt, zwängte er sich kurzerhand durch die Streben der Absperrung und begab sich auf das streng überwachte Gelände.
Dabei konnte ich ihn auf frischer Tat fotografieren.
Auf dem Gelände begann der „Einbrecher“ schließlich, sich vergnügt und zufrieden auf dem gepflegten Rasen herumzuwälzen. Man könnte es fast als „Faulenzen“ bezeichnen (und das an einem regulären Arbeitstag!). Ein politisches Statement?
Glücklicherweise schien unser Herr Merz es nicht bemerkt zu haben.
Offenbar wusste der Streuner ganz genau, dass ihm durch die Gitterstäbe niemand folgen konnte.
Der Eingangsbereich des Kanzleramts: sein ganz eigener geschützter Raum, hoch umzäunt und umgeben von Sicherheitspersonal - inklusive großer, gut gepflegter, privater Spielwiese.
Hier entstand eines meiner persönlichen Lieblingsfotos der Reihe:
Glatte Betonfassaden links, begrünte Architektur rechts - zwei Arten, eine Stadt zu gestalten, und der Stadtfuchs als urbanes Wildtier genau zwischen den Welten.
3. Akt - Sightseeing mit Fuchs
Schließlich war ich weitergegangen, um meinen neuen Freund nicht weiter zu stören und das letzte Licht noch fotografisch für ein paar Street-Fotos auszuschöpfen. Immerhin war das ja auch mein ursprünglicher Plan gewesen. Mittlerweile stand die Sonne bereits tief und tauchte die kahlen Stadtfassaden in einen intensiven, orangenen Schein.
Doch es war keine halbe Stunde vergangen, als mir der kriminelle Streuner erneut vor die Nase lief.
Diesmal auf dem Platz der Republik, vor einem schönen Blick auf das Paul-Löbe-Haus im Abendlicht.
Abbild einer klassischen Berlin-Situation. Jogger, Passanten, Touristen, Füchse - jeder macht so sein Ding. Und hier und da läuft man sich eben über den Weg.
Zu guter Letzt durfte ein Abstecher zum Reichstagsgebäude natürlich auch nicht fehlen.
Wenn schon Sightseeing im Regierungsviertel, dann muss schließlich auch alles mitgenommen werden.
Das war mein kleines True-Crime-Abenteuer (mit Fuchs) und Sightseeing-Abenteuer (ebenfalls mit Fuchs) im Zentrum Berlins
Ein wahrhaft herzerwärmendes Erlebnis und eine Begegnung, die ich sicherlich nicht so schnell wieder vergessen werde.
Wer hätte gedacht, dass einige meiner besten Fuchsfotos ausgerechnet mit einem 85mm Porträtobjektiv inmitten einer Großstadt entstehen werden - ich zumindest nicht. Berlin ist womöglich einer der wenigen Orte, an denen sich Streetfotografie und Wildtierfotografie zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und mit dem gleichen Equipment umsetzen lassen.
Und im Nachhinein bin ich froh, das große 200-600mm Objektiv, mit dem ich normalerweise Wildtiere fotografiere, an diesem Abend nicht zur Hand gehabt zu haben. Die eingeschränkte Brennweite hat mich gewissermaßen dazu gezwungen, nicht nur meinen neuen kleinen Freund als Hauptmotiv in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch den Kontext der Begegnung einzubeziehen - das Kanzleramt, das Paul-Löbe-Haus, die Straße mit vorübergehenden Passanten. So bietet die Erfahrung ein schönes Beispiel dafür, dass es für die Fotografie von Wildtieren eben nicht immer die großen Brennweiten sein müssen, und ein Foto, in dem ein Tier eben nicht formatfüllend abgebildet ist, nicht selten die interessantere Geschichte erzählt.
Gleichzeitig habe ich mit Freude wahrgenommen, wie positiv und respektvoll all die Menschen, denen der Streuner auf seinem Streifzug durch das Regierungsviertel begegnete, auf seine Gegenwart reagierten. Bei einem Wildtier, um das sich bis heute viele negative Vorurteile und Falschinformationen ranken, ist dies längst keine Selbstverständlichkeit.
Nichtsdestotrotz sei an dieser Stelle noch einmal gesagt, dass es selbstverständlich sein sollte, die Tiere nie zu füttern, stets Abstand zu halten und die Wildtiere auch in der Stadt das sein zu lassen, was sie sind - Wildtiere.